Alles begann irgendwo in den späten Neunzigern, frühen Zweitausendern, als der Heimcomputer langsam aber sicher die heimischen Arbeits-, Wohn- und Kinderzimmer eroberte. Besonders bei letzten konnte man mit fast absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass auch das eine oder andere Computerspiel auf den jeweiligen Festplatten landete und konsumiert wurde. Jüngere Leute werden es mir vielleicht nicht glauben, aber auch damals gab es schon richtig gute Games. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten: Vieles steckte noch in den Kinderschuhen und als eines der größten Probleme stellten sich die im besten Fall leidlichen und im schlechtesten Fall schlichtweg mangelhaften oder gar nicht vorhandenen Lokalisierungen heraus. So kam es, dass einige Spiele immens an Flair verloren oder schlimmer sogar völlig unspielbar wurden. Warum ich diesen Schwank aus meiner Jugend so scheinbar gänzlich unnötig aufrolle? Ganz einfach, weil diese Erlebnisse meine grundsätzliche Einstellung gegenüber Übersetzungen doch sehr stark geprägt haben und nunmehr zu einer mittelschweren Auseinandersetzung mit meinem Kollegen Alex, der die Auffassung vertritt Übersetzungen können mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser als Originale sein, geführt haben. Aber ich sollte etwas früher beginnen um das etwas genauer zu beleuchten.

Fangen mit einem meiner Lieblingsbücher an, diejenigen die mich kennen werden jetzt eine gar nicht so kurze Liste herunterrattern und unweigerlich aber trotzdem in den ersten paar Sekunden bei Tolkiens Herr der Ringe landen. Uuuh, Nerdalarm! Er ist also so jemand, der die Bücher tatsächlich vor dem ganzen Hype mit den Filmen gelesen hat. Stimmt, ich oute mich da jetzt einfach mal, nämlich dass ich bereits in den späten Neunzigern als eingefleischter Fantasy-Leser auch schon Tolkien-Fanboy war. Meine erste Zusammenkunft mit Mittelerde um 2000 herum war aber bei weitem nicht so rosig wie man sich das vielleicht vorstellen möchte. Kenner der ganzen Misere werden jetzt wahrscheinlich schon wissend schmunzeln. Ich hatte nämlich die Krege-Übersetzung, die sagen wir mal bewusst neutral, etwas „bemüht“ daherkommt. Sam spricht Frodo, innerhalb einer feudalen, mittelalterlich wirkenden Welt ständig als „Boss“ oder „Chef“ an, von dem restlichen Sprachgerumpel an diversen Stellen mal abgesehen, reißt das schon so ein bisschen an der persönlichen Immersion. Zumindest mir ging das so. Im britischen Original der Trilogie, welches ich übrigens ein paar Jahre später innerhalb von ein paar Tagen verschlungen hab, bleibt es nur so am Rande erwähnt ein standesgemäßes „Sir“ oder „Sire“, was der Atmosphäre sehr gut tut. Was Bücher angeht bin ich allerdings so oder so ein extrem wählerischer Sonderling. Mir kommt nichts auf den Leseteller, das ich irgendwie als sprachlich nicht gut genug oder von der Atmosphäre her nicht ausreichend dicht erachte. Dazu habe ich einfach schon zu viele schlechte Bücher angelesen und zu viele gute tatsächlich zu Ende gebracht, als dass mir da nicht meine persönliche Lebenszeit zu schade wäre um mich doch noch irgendwo „durchzuquälen“. Ist keine freundliche Einstellung den Autoren gegenüber, wenn die sich solche redliche Mühe geben und man das auch zwischen den Zeilen liest. Dennoch ist es einfach wertlos wenn man so viele Stunden des Lesens verbringt, der Funke aber einfach nicht überspringt und es schlichtweg nicht das richtige für einen selbst ist. Bei dieser ganzen Subjektivität verwundert es wahrscheinlich herzlich wenig, dass da Originale für mich einfach die Nase vorne haben, weil sie sehr oft einfach Facettenreicher daherkommen und gewisse vielleicht nicht völlig unwichtige Aspekte in der überführten Sprache der Übersetzung nicht ankommen oder schlichtweg nicht übertragbar sind und geneigter Leser somit nicht mehr das in der Hand hat, was er eigentlich in der Hand zu haben gedenkt. Böse formuliert könnte man sagen. Es ist doch traurig, einen müden verwaschenen Abklatsch zu haben, wenn man auch ein gestochen scharfes Original bekommt.

Weiter geht es mit Serien oder Filmen. Hier würde ich ganz besonders gerne auf den persönlichen Lerneffekt eingehen, der mit Originalen einhergeht. Natürlich gilt das auch für Bücher, aber bei Film tritt die Alltagsanwendung von Sprache ganz besonders hervor. Wenn man den hier sprachlich geübten Protagonisten aktiv zuhört, lernt man viel Nützliches für den alltäglichen Gebrauch. Davon angefangen wie ich gangstermäßig jemanden nach Strich und Faden zusammenpfeife (Pulp Fiction), wie man mit hintersinnige Süffisanz diskutieren kann (House of Cards) oder wie man schlichtweg in jeder Lebenslage humorige Sprüche klopft (Scrubs). Wer stoisch auf den Übersetzungen sitzen bleibt, wird heute höchstwahrscheinlich mit ziemlich gutem Schulenglisch dastehen, aber eben trotzdem „nur“ mit Schulenglisch. Leute, die sich da darüber hinaus mit der Sache befassen, haben da einen inhärenten Vorteil, ganz besonders im Arbeitsalltag. In der Ära von Netflix und Kinos, die Filme im Originalton vorführen, werden viele an dieser Stelle von einem Hype sprechen. Ich sehe das aber als die völlig falsche Betrachtungsweise. Es ist für mein Dafürhalten Purismus in Reinform, die Sache in unverfälschter Variante zu genießen und dabei sogar noch etwas zu lernen. Gibt wohl kaum etwas Besseres oder? Die Skandinavier machen das schon sehr lange so schön langsam wird das auch bei uns in Österreich gelebt. Als Beispiel in Wien gibt es das Artis, das im Normalfall ausschließlich den Originalton anbietet. Andere Kinobetreiber haben diesen Wunsch der potentiellen Besucher auch erkannt und bieten etwa einmal in der Woche eine Movienight an, bei der Filme im Original gespielt werden. Dennoch ist die Sache in unserer schönen Alpenrepublik bei weitem noch nicht so verbreitet, dass man von einem Hype sprechen kann. Es ist zumindest aber schön, wenn es einen ersten Markt dafür gibt, der auch sehr erfolgreich bedient wird.

Last but not least, Computerspiele. Ja die Zeiten sind besser geworden und die Industrie erwachsener, aber und das weiß ich auch aus persönlicher Erfahrung, weil es sich dabei nicht zuletzt um einen Studienschwerpunkt von mir handelt: Für Übersetzungen stehen während der Entwicklung oft nur sehr beschränkte Ressourcen zur Verfügung. Dies hat mehrerlei Gründe. Zuerst einmal muss das Produkt kurz vor der Fertigstellung stehen, damit eine erfolgreiche Lokalisierung durchgeführt werden kann. Weiters werden Lokalisierungen oft an Drittunternehmen per Outsourcing weitergegeben, wobei nicht selten der Fehler begangen wird, dass ausschließlich Wort- bzw. Dialoglisten zur Verwendung kommen, bei welchen in vielen Fällen der Zusammenhang verloren geht. Es gibt einfach Wörter und Redewendungen, bei welchen Kontext benötigt wird, um sie komplett fehlerlos übersetzen zu können. Eine weiteres Problem sind dann auch die Mittel. Wenn in einer Produktion die jeweiligen Ressourcen knapp werden, so wird das selbst bei sehr guter Planung gegen Ende dieser Produktion geschehen. Egal ob es sich dabei um Geld, Zeit oder Arbeitskraft handelt. Oftmals kann nicht mehr so viel investiert werden wie in das Original bereits geflossen ist. Versteht mich nicht falsch, Übersetzungen in Computerspielen sind in den letzten Jahren wesentlich besser geworden. Allerdings und das liegt meiner Meinung nach auch am zusätzlichen Aufwand, der dem interaktiven Charakter von Computerspielen geschuldet ist, sind sie immer noch um einiges „kantiger“ und „holpriger“ als das etwa bei Büchern oder Filmen der Fall ist.

Das klingt jetzt nach völliger Kompromisslosigkeit? Nein sollte es eigentlich überhaupt nicht sein. Klar schießt einem immer wieder der eine oder andere wahnwitzige Gedanke durch den Kopf, bei dem man sich gleichsam selbst wieder tadelt. Etwa Polnisch lernen zu wollen um die Sapkowski-Bücher (Also die von Geralt, dem Witcher) auch in ihrer Originalfassung lesen zu können. Ich meine ich würde es ja tun, wenn ich die Zeit dazu hätte, aber man muss auch mal realistisch bleiben und ein Hobby Hobby sein lassen. So schlecht sind die deutschen Übersetzungen da nämlich gar nicht. Obgleich in der Ermangelung von passablen Polnisch-Kenntnissen sehr wohl der Direktvergleich zum Original fehlt. Spätestens jetzt hatte ich ein Schmunzeln im Gesicht und spiele erneut mit dem Gedanken… Hach ich geh’ im Wald spazieren, vielleicht kommen Alex und meine Wenigkeit da auf ein paar grüne Zweige.

Sharing is caring!